Nachhaltige Mobilität

Die Coronakrise als Treiber einer Verkehrswende?

„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Der berühmte Satz, den wohl alle Autofahrer:innen täglich aus ihrem Navi hören, liegt beim Erreichen der Klimaziele leider noch in weiter Ferne. Deutschland hat sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens vorgenommen, den CO2-Ausstoß im Verkehrssektor bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu senken. Die Realität sieht bisher aber so aus.
Die Treibhausgas-Bilanz im Mobilitätsbereich hat sich seit 1990 so gut wie nicht verändert. Laut dem Umweltbundesamt betrug der Treibhausgas-Ausstoß im Verkehrssektor im Jahr 1990 164 Millionen Tonnen CO2, im Jahr 2020 waren es 146 Millionen, also innerhalb von 30 Jahren nur knapp 20 Millionen Tonnen weniger. Um das anvisierte Ziel zu erreichen, müssen in den nächsten 10 Jahren weitere 60 Millionen Tonnen CO2 reduziert werden.

Nun könnte ausgerechnet die Coronakrise zu einer Verkehrswende beitragen: Unter Pandemiebedingungen haben wir unser (Arbeits-) Leben und unsere Vorstellungen von Mobilität in vielfältiger Weise geändert und aufgrund des eingeschränkten Aktionsradius Raum für klimafreundliche Alternativen zu Auto, Flugzeug und Co. geschaffen. Und die gehen weit über die klassische Idee vom Elektromotor hinaus.
Verstärkte Mobilität auf zwei Rädern
Leere Straßen zur Rush Hour? Nur halb besetzte Bahnen zum Feierabend? Was vor Corona undenkbar war, wird mit der Home-Office-Pflicht und den Lockdowns zur Realität. Viele Menschen lassen ihr Auto stehen, weil sie es auf ihrem Arbeitsweg vom Frühstückstisch ins Nebenzimmer schlicht nicht brauchen. Laut Greenpeace kann der CO2-Ausstoß um 5,4 Millionen Tonnen pro Jahr sinken, wenn knapp die Hälfte der Arbeitnehmenden dauerhaft an zwei Tagen pro Woche von Zuhause aus arbeiten. Viele, bei denen HomeOffice nicht möglich ist, satteln aufs Fahrrad um, weil an der frischen Luft das Ansteckungsrisiko um ein Vielfaches niedriger ist. Und tatsächlich: Die Pandemie hat einen regelrechten Fahrrad-Boom ausgelöst. Ob Rennräder, Lastenräder oder E-Bikes – hier ist für jeden das passende Modell dabei.

Im Pandemiejahr 2020 wurden rund eine Million mehr Fahrräder als im Vorjahr verkauft. Bemerkenswert ist dabei der Anteil an E-Bikes am Gesamtmarkt, der sich 2020 von 31,5 Prozent auf 38,7 Prozent erhöht hat. Ihre Fahrräder lassen sich die Deutschen auch gern etwas kosten: Laut dem Zweirad-Industrie-Verband geben sie aktuell mehr Geld denn je dafür aus, rund 1.000 Euro bezahlen sie im Durchschnitt für ein neues Rad.

Das Comeback des Autos
Doch auch das Auto erlebt in Zeiten der Corona-Pandemie ein Comeback. Um dem Infektionsrisiko in dicht gedrängelten Bussen und Bahnen zu entgehen, steigen viele Menschen wieder auf den PKW um. Laut einer aktuellen Studie ziehen weltweit 87 Prozent ihr eigenes Fahrzeug dem Öffentlichen Nahverkehr vor. Vor der Corona-Pandemie lag der Wert bei nur 57 Prozent. Der Ausbau von Fahrradstraßen und autofreien Zonen in den Städten, kann hier eine von vielen Lösungen sein.
E-Scooter – eine faire Alternative?

Doch nicht nur Fahrräder erfreuen sich großer Beliebtheit. Seit 2019 entdeckt man sie in allen Großstädten an jeder Ecke: E-Scooter. Doch leisten die elektrobetriebenen Tretroller wirklich einen positiven Beitrag zur Ökobilanz? Laut Bundesumweltamt tun sie das nur, wenn sie dazu motivieren, das Auto öfter stehen zu lassen und dabei der Feinstaubbelastung in den Innenstädten entgegenwirken. Abgesehen davon bringen sie durch die geringe Lebensdauer der Akkus eher Nachteile für die Umwelt und können sogar die klimafreundlicheren Alternativen, wie das Zufußgehen und Radfahren, unattraktiver machen. Ein weiterer Nachteil von E-Scootern ist, dass diese oft falsch abgestellt werden, so dass sie andere Verkehrsteilnehmende stark behindern.

Home-Office als Umweltrettungsmaßnahme
Während der Corona-Pandemie funktioniert das Mobil-Sein nicht so, wie man es bisher gewohnt war. Die meiste Zeit verbringen die Menschen zu Hause, denn hier sind Arbeitsplatz, Schule und Familienleben zugleich. Die Etablierung des Home-Office in vielen Berufsgruppen birgt die wohl größten Chancen, einen nennenswerten Beitrag zur positiven Klimabilanz zu leisten. Das betrifft zum einen das merklich reduzierte Aufkommen im Berufsverkehr und entsprechend weniger CO2-Ausstoß, zum anderen aber auch die angespannte Wohnsituation in den Innenstädten, in denen viele Menschen auf zu wenig Raum zusammenleben.
Urlaub mit positiver Klima- und Erholungsbilanz
Doch das ständige Zuhause-Bleiben weckt auch den Wunsch nach Tapetenwechsel. Und die schönste Form von Mobilität ist seit jeher das Reisen! Aber auch in der Urlaubsplanung müssen wir in der Pandemie kreativ werden. Zahlreiche Urlaubsflieger blieben während der Lockdowns am Boden. Urlaub im Jahr 2021 ist geprägt von selbstgeplanten Individualreisen mit kürzeren Aufenthalten, vorwiegend in der näheren Umgebung sowie in der Natur. Abenteuerreisen mit dem eigenen Campingbus gehören nach wie vor zu den größten Trends im Bereich der Reisemobilität. Unter dem Hashtag #vanlife finden sich auf Instagram mittlerweile mehr als 10 Millionen Bilder. Spontaneität und Freiheit beschreiben hier eine neue Form der Urlaubsplanung. Und auch Bahnreisen bieten sich als umweltfreundliche Alternative für Unternehmungen im eigenen Land an.

Mobilität hat sich nicht zuletzt aufgrund der Herausforderungen in der Pandemie gewandelt. Grundlegend war ein Umdenken in den Köpfen, das einerseits durch gestiegenes Umweltbewusstsein, andererseits von der Suche nach Alternativen in der Krise beschleunigt wurde. Und dabei ist Mobilität mehr als nur Auto und Bahn fahren oder mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen. In der Krise beginnen die Menschen alte Routinen aufzubrechen und die eigene Mobilität hinsichtlich Arbeiten, Reisen und Freizeit neu zu denken. Was wir brauchen, sind intelligente Verkehrssysteme, die Umwelt, Infrastrukturen und Ressourcen entlasten und somit dabei helfen, den CO2-Fußabdruck jedes Einzelnen ein kleines bisschen kleiner zu machen.

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