Finfluencer im Check

Immer mehr Jugendliche holen sich ihr Finanzwissen bei so genannten Finfluencern, die in sozialen Medien Finanzprodukte und -dienstleistungen vorstellen. Wie seriös Finfluencer sind und wie sich die Qualität von Finanzinformationen prüfen lässt – darüber haben wir mit Prof. Dr. Carmela Aprea gesprochen, Professorin für Wirtschaftspädagogik an der Universität Mannheim und eine der beiden Direktorinnen des Mannheim Institute for Financial Education (MIFE).

Liebe Frau Prof. Aprea, was sind Finfluencer eigentlich?

Carmela Aprea: Finfluencer sind Personen, die in sozialen Medien Finanzprodukte und -dienstleistungen vorstellen, erklären und bewerben. Sie präsentieren sich als Experten in der Finanzwelt und nutzen ihre Plattformen, um ihre Sichtweisen und Empfehlungen zu teilen. Wichtig dabei ist die Abgrenzung zu allgemeiner Werbung: Finfluencer geben oft eine persönliche Einschätzung zu den beworbenen Produkten ab.

Wie können junge Nutzer:innen unseriöse von seriösen Finfluencern unterscheiden?

Carmela Aprea: Das ist nicht immer leicht. Zunächst sollte man auf die inhaltliche Qualität und Transparenz achten. Seriöse Anbieter machen klar, wer sie sind und welche Verbindungen zu Finanzdienstleistungen bestehen. Wenn Informationen wie Impressum oder klare Identität fehlen, sollte man vorsichtig sein. Auch die Unabhängigkeit von Informationen über Finanzdienstleistungen ist ein wichtiges Kriterium. Wenn Finfluencer direkt mit Finanzprodukten verbandelt sind, könnte das ihre Unabhängigkeit beeinträchtigen.

Prof. Dr. Carmela Aprea

„Einige Finanzcoaches nutzen manipulative Taktiken“

Welche Gefahren entstehen durch das Wirken von Finfluencern und Finanzcoaches in sozialen Medien?

Carmela Aprea: Besonders problematisch sind selbsternannte Finanzcoaches, die oft sehr manipulative Taktiken anwenden. Sie schaffen eine Gemeinschaft, die gegen andere Meinungen abgeschottet ist, fast wie bei einer Sekte. Solche Coaches neigen dazu, ihre Anhänger psychologisch zu beeinflussen und ihr Vertrauen zu gewinnen, oft ohne ausreichende Qualifikationen. Hier muss man besonders kritisch sein, da es selten nur um reine Informationen geht. Ein weiteres Problem ist die Bewerbung von sehr riskanten Finanzprodukten wie Derivaten oder Day Trading, die für die meisten Endverbraucher nicht geeignet sind.

Würden Sie Finanzcoaches als eine Unterkategorie von Finfluencern sehen?

Carmela Aprea: Ja, das könnte man so sehen, auch wenn es analytisch eine gewisse Trennung gibt. Für den Endverbraucher, besonders für jüngere Menschen, scheint der Unterschied oft nicht klar zu sein. Beide Gruppen operieren hauptsächlich online und bewerben Finanzthemen und -produkte, aber die Methoden der Coaches sind oft noch aggressiver und manipulativer.

Wie können Verbraucher:innen die Qualität von Finanzinformationen prüfen?

Wie können Nutzer:innen die Qualität von Finanzinformationen online schnell prüfen?

Carmela Aprea: Eine schnelle Methode ist es, auf etablierte, qualitätsgeprüfte Seiten wie Stiftung Warentest oder die Verbraucherzentrale zu gehen. Diese Organisationen bieten geprüfte und zuverlässige Informationen. Eine gesunde Skepsis ist ebenfalls hilfreich: Eine einfache Google-Suche kann oft Aufschluss geben, ob ein Anbieter seriös ist oder ob es Warnungen gibt. Auch das Hinterfragen des Geschäftsmodells eines Finfluencers oder Coaches ist wichtig: Wie verdienen sie ihr Geld? Sind sie von Provisionen abhängig oder betreiben sie direkten Vertrieb?

Haben Social Media-Plattformen eine Verantwortung, gegen die Verbreitung irreführender Finanzinformationen vorzugehen?

Carmela Aprea: Ja, definitiv. Plattformen profitieren finanziell von den Inhalten, die sie verbreiten, und sollten sicherstellen, dass diese keine Schäden verursachen. Es muss jedoch vermieden werden, dass die Plattformen die Aufgaben von Regulatoren übernehmen, da dies ihre eigentliche Rolle übersteigt.

Wie könnte eine bessere Kontrolle aussehen?

Wie könnte eine solche Kontrolle konkret aussehen?

Carmela Aprea: Eine Form der Selbstregulierung könnte sein, dass Nutzer Falschinformationen melden können und die Plattformen diese Meldungen prüfen müssen. Dies würde eine Art Kosteninternalisierung darstellen, die mit marktwirtschaftlichen Prinzipien vereinbar wäre. Diese Selbstregulierung könnte einen Schritt nach vorne bedeuten, auch wenn sie nicht alle Probleme löst.

Es gibt auch Rufe nach einem Verbot von Werbung für Finanzprodukte. Was halten Sie davon?

Carmela Aprea: Ein solches Verbot könnte in bestimmten Fällen sinnvoll sein, insbesondere wenn es um Produkte geht, die leicht missbräuchlich genutzt werden können. Werbung sollte zur Information des Verbrauchers beitragen, aber bei komplexen und riskanten Produkten wie Derivaten und Day Trading tut sie oft das Gegenteil. Ähnlich wie bei Tabak oder Alkohol könnte hier ein Werbeverbot gerechtfertigt sein, wenn die Werbung eher schadet als nützt.

Chancen der Finanzbildung im Internet

Welche Chancen bietet das Internet für die Finanzbildung?

Carmela Aprea: Das Internet ist ein hervorragendes Medium, um erste Informationen zu vermitteln und Interesse zu wecken, insbesondere bei jungen Menschen. Allerdings sollte Finanzbildung auch als sozialer Prozess verstanden werden, der den Austausch und die Diskussion fördert. Ein reiner Konsum von Informationen reicht nicht aus, um fundierte Finanzentscheidungen zu treffen. Es ist wichtig, dass Lernangebote so gestaltet sind, dass sie den Austausch und die Reflexion über Finanzthemen ermöglichen.

Die WirtschaftsWerkstatt ist ein gutes Beispiel dafür, wie man junge Menschen dort abholt, wo sie sich aufhalten – nämlich online. Diese Plattform bietet nicht nur Informationen, sondern auch interaktive Lernmöglichkeiten, die wichtig sind, um Finanzbildung greifbar und interessant zu machen.

Welche speziellen Zielgruppen sollten besonders angesprochen werden?

Carmela Aprea: Es ist wichtig, spezielle Zielgruppen stärker in den Fokus zu rücken, die oft vernachlässigt werden. Die Schufa hat hier bereits Pionierarbeit geleistet, besonders im Rahmen der Special Olympics, wo sie Angebote für Menschen mit kognitiven Einschränkungen entwickelt hat. Diese Gruppe wird sonst kaum beachtet. Ebenso gibt es wenig Angebote für Geflüchtete oder für Menschen, die nicht zur finanzkräftigen Zielgruppe gehören. Solche Initiativen sind wichtig, um finanzielle Bildung inklusiver zu gestalten.

Insgesamt bietet das Internet viele Möglichkeiten, Finanzbildung zu fördern, wenn es richtig genutzt wird. Wichtig ist, dass Informationen gut aufbereitet und transparent sind, und dass man sich der Grenzen und Risiken dieses Mediums bewusst ist. Eine Mischung aus Regulierung, unabhängiger Beratung und Bildung wird notwendig sein, um die finanzielle Bildung und die Entscheidungsfähigkeit der Verbraucher zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch!

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